bulletin
die wohnung

Wie schon erwähnt, ist unser Zimmer nur 8m² groß. Ein Zusammenleben auf engstem Raum zu organisieren, ist für jede Beziehung eine Bewährungsprobe. Nach einem Monat fingen wir langsam an uns zu hassen und jede Bewegung des anderen war eine Provokation von internationalem Ausmaß. Als wir Mr. Mike kennenlernten meinte er, daß er für seine Kinder immer Kleidung und Spielzeuge auf diesem schäbigen Walthamstow Market eingekauft hätte, da er keinen Grund dafür sähe Kindern neue bzw. ungebrauchte Sachen zu kaufen, weil sie ja nach einer Weil sowieso aus den Sachen herauswachsen würden. Ähnlich verhielt es sich mit dem Mobiliar in seinem Haus. Ferner meinte er, man solle nichts wegschmeißen, man kann viele Möbel immer noch gebrauchen. Diese Einstellung ist ja an sich lobenswert aber der liebe Mr. Mike sollte doch mal überlegen, ob ab einem gewissen Grad der Abnutzung nicht eher der Sperrmüll der geeignetere Ort für seine Möbelstücke wäre. Im Grunde genommen hat das garnicht so viel mit einer bestimmten Lebenshaltung zu tun sondern mit Effizienz und da wären wir wieder ganz schnell beim Kapitalismus und der schreibt sich in London mit Großbuchstaben. Herr Mike war nämlich früher mal in der Immobilienbranche tätig bevor er sein eigenes Plattenlabel gründete. Sich quasi an der Quelle befindend kaufte er mehrere von solchen...jetzt hätte ich beinahe "Hurenhäusern" geschrieben.   
So war es dann auch nicht verwunderlich, daß beim ersten Probeliegen auf der Matratze prompt eine fette Spinne aus einem bis dato unentdecktem Loch hervorschoß. Die Matratze war, abgesehen von diesem Mitbewohner, aber derart klein geraten, daß Gosia und ich seitlich auf unseren Beckenknochen schlafen mußten, um nicht wieder auf diesem schmutzigen Pseudolaminat zu landen. Die erste Nacht schliefen wir auch ohne Zudecke, lediglich ein Bettlacken blieb uns. Ein zweites, hauchdünnes Bettlacken war die fast unsichtbare Grenze zwischen unserer Haut, der Matratze und diversen Krankheiten. Diese Nacht war eine der kältesten an die ich mich erinnern kann. Warum befindet sich auf alten Matratzen denn immer ein klassischer großer Fleck, der im Prinzip von allem möglichen herrühren könnte: Durchfall, Tomatensaft, Regelblut oder Kotze. Man denkt dann natürlich sofort an die Leute die vorher auf dieser Matratze ihr Haupt betteten und wie die es wohl so mit der Hygiene hielten. Es sollte eine Woche dauern, bis wir eine neue Matratze erhielten, die zwar breit genug aber mit nicht weniger Flecken ausgerüstet war. Ein paar Häuser weiter entdeckten wir zu unserem Grauen eine Matratze, des gleichen Herstellers: gleiches Model, gleiche Farbe und in Puncto Flecken nicht weniger üppig. Die Vorgärten der Häuser in unserer Nachbarschaft waren allesamt richtige Müllkippen. In einem gegenüberliegendem Haus wohnte eine polnische Familie mit Bauarbeiterhintergrund und die ließen bei ihrer Abreise ihr ganzes Hab und Gut einfach so im Vorgarten zurück. Am schönsten war es die Passanten dabei zu beobachten wie sie sich für den Krempel zu interessieren begannen. Mein Favorit war ein alter Mann mit seiner Frau, die nachmittags diesen Schatz entdeckten und nachdem ER alles zögerlich befühlte und sich tausend mal nach allen Seiten umblickte, kam er abends mit einem Einkaufswagen und mächtigen IKEA Tüten wieder um das Zeug abzutransportieren. Unser Zimmer ist nicht nur unglaublich klein sondern jedes Teil in ihm hat auch seine ganz besondern Eigenheiten.  Man muß sich den Grundriß des Zimmers als Quadrat vorstellen aus dem dann rechts oben ein weiteres Viertel für das so-genannte Bad abgezogen wurde. Wie es bei einem richtigen Bad so üblich ist, gibt es natürlich auch eine Tür, die sich leider, wenn jemand auf dem Lokus sitzt nicht mehr öffnen läßt, da sie clevererweise nach innen öffnet. Das Klo als gleichsam einziger Ort der Besinnung ist aber ständig verstopft. Wie wir später erfuhren, wohnte vor uns ein rumänisches Paar mit ihrem Kleinkind in unserem Zimmer. Ich verstehe nicht, wie es ihnen möglich war in diesem ohnehin zu klein geratenem Stall auch noch ein Kind zu halten. Dieses Kind hat angeblich ein Spielzeug im Klo versenkt (wahlweise einen Transformer) und seitdem gibt es diese Verstopfungsproblematik. Einmal durfte ich live miterleben, wie sich die Pumpe der Toilette wie von Geisterhand in Gang setzte und sich das Klo in den eigenen Hals erbrach. Schon längst Vergessenes kam dort wieder zum Vorschein und mit ihm auch ein intensiver Geruch, der den ganzen Raum erfüllte. Ansonsten ist die Klospülung aufgrund der Pumpe so mächtig, daß man seine Kackwurst damit glatt ins All befördern könnte. In dem kleinen Badquadrat gibt es auch ein winziges Waschbecken, welchem eigentlich nur die Funktion eines Dekors innewohnt. Mit beiden Fäusten fülle ich das Becken schon komplett aus, es ist die luxuriösere Variante eines Trinkbechers. Geduscht wird in einer Duschkabine. "Wo soll denn da noch Platz für eine Duschkabine sein?" wird sich jetzt so mancher fragen und nicht zu Unrecht. Nun, man zieht von dem kleinen Quadrat, das wir vorhin von dem Wohnquadrat abgezogen haben nun nochmals ein Quadrat ab (wir bewegen uns jetzt schon in Mikrodimensionen) und baut dort eine Duschkabine hin. Das Duschen an sich hat immer etwas von einem Ringkampf bzw. Armdrücken, da der Duschschlauch viel zu kurz geraten und ungefähr so beweglich ist wie der Hals eines amerikanischen Profiwrestlers. Die Apparatur zur Regulierung der Wassertemperatur mutet wie ein Klavier für Behinderte an. Man kommt sich vor wie bei einer wissenschaftlichen Übung denn es bedarf schon eines ausgeklügelten Systems um die richtige Temperatur einzustellen und sie dann auch noch zu halten. Das man sich am Anfang einige male verbrennt bleibt dabei nicht aus. Es gibt einen An/Aus Schalter und zwei Drehregler für Druck und Temperatur. Im letzten Stadium unseres Aufenthalts in Walthamstow war es ganz um die Dusche geschehen: Der Duschkopf fiel ab weil der Schlauch marode war, aus der Mischbatterie qualmte es und zu guter letzt floß kein Wasser mehr aus dem Schlauch sondern trat aus einem Zweitschlauch aus, der an einer Stelle des Kastens hervorlugte an der er definitiv nichts zu suchen hatte. Was blieb uns also anderes übrig als Wasser in 2Literflaschen aufzufangen und uns intervallweise einzureiben und wieder abzuspülen. Eine richtige "Deutschdusche" mit Konzept. Bevor mir jedoch die Idee kam das Wasser in einer Flasche aufzufangen, mußte ich mich wie ein französischer Kater hingebungsvoll an die gekachelte Wand schmiegen, da das Wasser aus dem Duschkasten einen Zentimeter parallel zur Wand austrat. Das hat schon etwas von einem Waldorfschulentanz unter der Dusche. Die Heizung ist genauso unzuverlässig wie alles andere in diesem Haus. Wenn dann mal geheizt wird, kommt der Hitzeteufel meist zur zwölften Stunde und morgens wacht man dann mit Nasenbluten auf. Das einzig wirklich Neue in dem Zimmer sind die schönen großen Fenster, was aber nicht darüber hinwegtäuschen soll, daß man alles, was sich unten auf der Straße abspielt genauso hört als stünden die Leute direkt in unserem Zimmer. Uns trifft es mit dem Zimmerchen gut, wir sind ja schließlich verliebt und können uns miteinander irgendwie arrangieren aber was sonst in London zur Zeit stattfindet, ist reiner Wahnsinn. Ich habe von Leuten gehört die zu sechst in einem Zimmer gleichen Ausmaßes wohnen. Das funktioniert dann so, daß drei morgens arbeiten und drei nachts. Haha, drei Bäcker und drei Nachtwächter. Schichtschlafen nennt man das wohl. All das ließ sich nur aushalten in der Gewissheit daß es nur einen Monat lang so zugehen würde.
11.11.08 14:32
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ambi (13.11.08 14:29)
Alta,

wenn ick da wohnen müsste würde ick nur noch schlecht gelaunt rum rennen, mich krank fühlen und depressives Zeug schreiben. Wenn man sich nich ordentlich entspannt waschen kann wirkt sich das höchst-negativ auf einen aus.

Kann man so chillen?

Ambi


(14.11.08 23:29)
beuge, ick schmeiß mich weg. was für des einen leid, ist des anderen freud – beim lesen zumindest.

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