bulletin
eastlondon & ghettobass

 Walthamstow 1.august - 7.september 2008-

Als mein Flugzeug am 1. August in London Luton ankam, war es eine Stunde früher als erwartet. Ich hatte mich schon gewundert, wie es angehen soll, daß man binnen nicht mal einer Stunde von Berlin nach London reist. Man hätte sich vorher mit der Zeitzonenproblematik auseinandersetzen sollen. Trotz völliger Übermüdung mußte ich noch anderthalb Stunden auf Malgosias Maschine warten. Ich hatte die ganze Nacht hindurch meinen Koffer gepackt und wurde genau in dem Moment fertig in dem ich laut Zeitplan hätte aufstehen müßen, um mich für meinen Flug fertig zu machen. Als ich, nach langer Trennung, Gosia endlich in Empfang nehmen durfte, hatte ich bereits eine Sache gelernt: man muß hier nicht nur auf der linken Seite gehen sondern sich auch links an der Kasse anstellen. Beim Erwerb eines überteuerten Flughafensnacks wurde mir klar daß es hier eine ziemlich schwere Zeit für mich wird. Nicht nur in monetärer Hinsicht sondern auch bezogen auf das Verständnis der hiesigen Mundart. Um von Luton überhaupt erstmal nach London zu gelangen, muß man einen teuren Bus nehmen. Während wir auf den Bus warteten, synchronisierten wir unsere Warschau/Berlin news. Als wir so im Bus dahinfuhren, zuckte ich fortwährend innerlich zusammen, weil ich in diversen Abbiege- und Kreisverkehrsituationen dachte, das es wohl gleich einen Unfall geben müße. Auch beim Verlassen des Buses an der Victoria Station suchte ich im ersten Moment die Tür, wie könnte es anders sein, an der falschen Seite. Der Busfahrer ein frecher, untersetzter Inder mit einer schwarzen Seele zog in grober, routinierter Manier mit einer Art Harpune die Koffer wie totgeborene Walrobben aus dem Bauch seines trächtigen Busses. Die große Kofferschau vor Reisebussen hat ja immer auch etwas von einem Selbstbedinungsbuffet und so fürchtete ich schon ein gar allzu kecker Zeitgenosse hätte sich mit meinem guten Stück auf und davon gemacht, dabei stand mein Koffer die ganze Zeit  direkt hinter mir und ich wäre zu guter letzt fast noch darüber gefallen. Ich folgte Gosia die ganze Zeit blind, da sie sich durch diverse Londonbesuche zuvor bestens auskannte. Sie hatte via Internet schon eine Bleibe für uns organisiert und eigentlich sollten wir unseren Vermieter in Spe ganz in der Nähe treffen aber wie es der Vorführeffekt nunmal gebietet, nahm der Typ natürlich nicht ab als wir versuchten ihn telefonisch zu erreichen. Nachdem wir alle Vorwahlkombinationen ausprobierten die uns für England einfielen und immer noch keiner ans Telefon ging, wurde uns klar daß wir ganz schön in der Scheiße stecken. Es galt also bis zum Anbruch der Dunkelheit eine Bleibe für mindestens einen Monat zu finden. Nun, ich hätte mir in diesem Fall sicherlich ein überteuertes Hotelzimmer genommen, was sicherlich nur drei Tage gut gegangen wäre oder hätte mich zum Sterben in den Park gelegt in hingebungsvoller Unterwerfung an mein Schicksal. Nicht so meine polnische Freundin Gosia, die ist aus anderem Holz. Sie nahm von nun an die Wohnungssuche in die Hand. Nachdem wir in einem Mc Donald's und diversen Coffeshops unser Geld ließen nur um letztlich immer wieder herauszufinden daß das Internet doch nicht so "free" ist wie man es in den Ladenfenstern anprieß. Erstmal legten wir uns englische SIM Karten zu um mobiler zu sein. Nach einer Online-Kreditkartenbezahlaktion bei Starbucks erhielten wir doch noch Zugang zum Internet. Innerhalb von nicht mal einer Stunde hatten wir drei potentielle Vermieter an der Strippe. Unter ihnen auch eine fragwürdige englische Lady, die sich gleich nach unseren Nationalitäten erkundigte und den Grund unseres Aufenthalts wissen wollte. In ihrer Vorstellung muß es wohl stark nach Verschwörung gerochen haben wenn da ein Deutscher mit einer Polin kommt. So als würden wir in ihrer Wohnung polnische Naziagenten zeugen wollen (in anderen Worten sehr faule Kinder mit einem stark ausgeprägten Streben nach der Weltmacht). Ein gewisser "Mr. Mike" schien uns sympathisch und wir entschieden uns nach Walthamstow zu begeben, wo die Victorialine endet und man sich mitten im berüchtigten Eastlondon wiederfindet. Walthamstow, wie sich das schon anhört, mit einem großen "W", da mußte ich sofort an Wartenberg denken, weil das ähnlich weit draußen liegt. Da hören dann aber die Gemeinsamkeiten auch auf. Wir sollten diesen Mr. Mike im "Goose Pub" treffen. Als wir dieses dann endlich gefunden hatten, hielten wir Ausschau nach einem Typen im gestreiften Poloshirt, so hatte Mr. M sich beschrieben. In diesem Pub waren nun echt viele Typen in irgendwie gestreiften Poloshirts. Vom angetrunkenen Bauarbeiter bis zum fadenscheinigen Kamelmann war alles Menschenelend vertreten. Noch unentschlossen am Eingang stehend, scannten wir das Pub und immer wenn uns die Blicke einiger dieser finsteren Streiflinge trafen, hofften wir insgeheim daß dieser oder jener nicht unser Mr. Mike sei. Letztenendes meldete sich dieser Mr. M, der schon garnicht mehr mit uns rechnete, via Telefon und man regelte die Formalitäten halbsitzend auf einer Parkbank. Ich hoffte daß er jetzt nicht auch noch gleich die erste Monatsmiete einforderte, schließlich saßen unweit einige hauptberufliche Parkbankchiler. Als wir uns auf den Weg zum Haus begaben, mußten wir durch einen brodelnden, nach Galle stinkenden Markt, der sich die ganze Hauptstraße entlangzog. Ich sollte diesen Markt noch richtig hassen lernen, wenn ich es nicht damals schon tat. Mit unseren Rollköfferchen waren wir die Aliens schlechthin und im Visier vieler schlauer Augen. Die ohnehin schon nicht sehr breite Straße bot kaum Platz für uns drei. Es war einfach kein Durchkommen. Überall diese schwarzen Mamas… Kein Durchkommen weil: 1. Ärsche breit wie amerikanische Pick Up Trucks, 2. alle Zeit der Welt und 3. mindestens zwei Bälger, die ihre Mutter umkreisen wie kleine Trabanten die Sonne. Als ich Mr. M dann vorsichtig fragte, was das denn hier für eine Nachbarschaft sei, antwortete er “…well, it’s a very multicultural neighborhood.”. Man hätte auch Ghetto sagen können aber das wäre dann doch etwas zu direkt gewesen. Immer schön vornehm und freundlich sein, ist die Devise hier in England. M redete klein mit uns (er smalltalkte). Im Gespräch entpuppte sich der Herr M als Manchesterpunk der ersten Stunde und erzählte irgendwas davon daß der Bassist von “Aspect Ratio” mit im Haus wohne. Ein Punk also, das sah man dem feinen Lord, der etwas von einem perwollgewaschenem Araber hatte, garnicht an. Das angeblich so nahegelegene Haus war dann doch eine gefühlte Viertelstunde entfernt und plötzlich standen wir vor diesem abgefucktem Haus, daß in jungen Jahren mal eine viktorianische Villa hätte werden können. Ich wollte erst garnicht hinein, so wie ich damals beim Zivi Omas den Po wischen mußte und nicht wollte aber trotzdem mußte weil man mich ja gerade dafür bezahlte.  Das Haus roch alt und modrig. Die schmale Treppe zum ersten Stock war mit einem dreckigem Teppich überzogen, der seine besten Tage auch schon hinter sich hatte und dringend einer Reinigung bedurfte. Iiiiiihhhhh, ein Teppich, das wäre ja so als würde man einen Löffel mit Fell überziehen und dann von ihm essen. Im 1. Stock erreichten wir so einen kleinen Absatz von dem vier verschiedene aber gleichermaßen armselige Türen abgingen. Rechts mittig öffnete sich die Tür zu noch größerem Elend, unserem 8m² kleinem Zimmer. Wir standen auf einem abgewetzten Linoleumboden der sich in Laminatkaraoke versuchte. Die wenigen Möbel sahen allesamt aus wie vom Sperrmüll zusammengeklaubt. Die Fenster waren so dreckig, daß man sich die Jalousie eigentlich hätte sparen können. Aufgrund dieser Umstände handelte Gosia den guten Mann von 250£ auf 200£ pro Monat und Person herunter. Ich war in einem ganz seltsamen Zustand und hätte wahrscheinlich jeden Preis bezahlt um nur nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Ich stand völlig neben mir den inneren Ekel verbergend, verlegen grinsend, so daß mir die Kotze eigentlich zwischen den Zahnlücken hätte durchspritzen müssen. Ich fühlte mich als hätte ich mir den Rachen mit einer Klobürste blitzeblank geputzt. Am liebsten hätte ich mich in eine Ganzkörperplastikfolie eingewickelt, um nichts mehr in diesem Haus berühren zu müssen. Das Gepäck nur widerwillig im Haus zurücklassend gingen wir wieder auf diese blöde Hauptstraße auf der wiederum der blöde Markt stattfand. Dort gab es eine Geldwechselstube in der Gosia, die von ihrer polnischen Oma mühsam zusammengesparten US Dollar umsetzte und richtig abgezogen wurde, wie wir im Nachhinein herausfanden. Noch in der Wechselstube zupfte ich verlegen (ich wurde von fünf Indern hinter Glasscheiben beäugt) an mir herum um meine Sicherheitstasche (ein Brustbeutel für die Lendengegend) hervorzuholen und mal eben 400£ für die Kaution locker zu machen. Es war sicherer den Mr. M noch im Laden zu bezahlen als draußen auf der Straße, denn dort liefen Gestalten herum die wahrscheinlich für weitaus weniger sogar ihre eigene Mutter um die Ecke gebracht hätten. Insgesamt wechselten da schlappe 800£ den Besitzer…boah, “Welcome to London, Alta”. Mr. M wünschte uns viel Glück im neuen Heim und machte sich von dannen. Wir standen nun vor dem Problem das passende Haus zu finden zu den Schlüßeln, die er uns überreicht hatte. Wir hatten keinen Plan mehr wie wir von dem Haus hierhergekommen waren. Das passiert immer wenn man zu viel schwatzt und nicht auf die Gegend achtet. So standen wir also auf dieser dämlichen  Hauptstraße umgeben von geschäftigem Marktgetreibe. Als wir nach einigen Extrarunden unser Haus (die Häuser kommen dort alle aus derselben maroden Backform) wiedergefunden hatten, ging erstmal die große Putzaktion los. Nicht etwa weil ich das so wollte, nein, ich hätte mich nach drei Tagen an alles gewöhnt und mich für ein Leben im Dreck eingerichtet. Gosia war hier die treibende Kraft. Sie hat so einen gestörten Putzfilm und braucht ihre Umgebung ganz steril.  Als FK der ich nunmal bin, wischte ich also auch den Kleiderschrank und diverse andere Regale aus bis alles so roch wie wenn man damals die Ostpressspanplatten mit Wasser reinigte.

8.11.08 01:48
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


/ Website (8.11.08 22:24)
ich hab grad dein eintrag durchgelesen da musste ich echt schmunzeln und an einen meinen ersten aufenthalt in london denken.
der ist zwar 'erst' 3 monate her,aber den werd ich nie vergessen,weil es mir echt ähnlich erging,vor allem mit dem linksverkehr und der sauberkeit.
aber nun ja,
es war ein erlebnis werd :]

liebe grüße


Ambi (13.11.08 14:23)
Ja,


an diesen Geruch wenn man die OstSpanplatten feucht abwischte kann ich mich erinnern. Ein bißchen Holz noch zu erahnen und diverse Keime, im Material befindlich, eindeutig riechbar. Hahaha. Liest sich wirklich super dein Blog. Mach jede Woche einen Eintrag und du hast in zwei Jahren ein Buch fertig..

Peace

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