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POLSKI RAPPORT

Nun nähert sich meine vierte Woche in Warschau dem Ende. "Warschau?" werden sich jetzt einige fragen. Ja hier lebe ich nun seit fast einem Monat mit "Gosia", meiner "Erasmusfreundin". Mein Verstand sagte mir ich soll in Spanien bleiben und mir ein Praktikum in Barcelona oder Madrid suchen aber da ich es hasse mir diese "was wäre gewesen wenn-Fragen" zu stellen, habe ich auf mein Herz gehört und bin nach zwei knappen Tagen Aufenthalts in Berlin am 8.2.2008 im "Warschau Express" nach Warszawa Centralna gefahren. "Express" dient hierbei nur als Phantasiebegriff oder als Hommage an die alten Zeiten, in denen man Entfernungen noch in Fuß und Geschwindigkeit in Knoten gemessen hat und 6 Stunden zwischen Berlin und Warschau wahrscheinlich dem "Beamen" gleichkamen. Notiz  von Beuge: 6 Stunden Zugfahrt ist das Äußerste für mein Gesäß. Schon nach 2 Stunden klappt sich der "Gluteus Maximus" zur Seite und man sitzt auf den Beckenknochen. Bereits am Bahnsteig im Hauptbahnhof sprach mich ein Pole an. Er stellte seine "Alibireisetasche" neben mir ab und fuchtelte mit seinem Ticket vor meiner Nase herum. Dabei berührte er mich ständig am Rücken, gefährlich nahe an meiner Gesäßtasche. Das ganze ging fünf Minuten lang so weiter ohne daß er auf mein Englisch einging oder verstand, daß die Nummer "11" auf seinem Ticket auch mit der zwei Meter großen "11" auf dem Bahnsteig übereinstimmte. Ich fühlte mich unangenehm an meinen arabischen Taschendieb aus Bilbao erinnert und suchte mit einem "Sorry" das Weite. Ich fand meinen Platz in einem altmodischen Sechserabteil. Mit zwei dicken französischen Mädchen, einem deutschen Mann und einem polnischen Teenager ging es Richtung Warschau. Ich saß die ganze Fahrt über mit zusammengekniffenen Arschbacken im Abteil, hoffend, daß niemand meine Geheimtasche mit dem ganzen Geld entdecken würde. Geflasht durch meinen Reiseführer, in dem geschrieben steht, daß man bei Zugreisen nach Polen besonders aufmerksam sein soll, da hier gerne mal Koffer abhanden kommen. Also untersagte ich mir jegliches Pinkeln und Verlassen des Abteils. Das ist gelebte Askese. Zudem kam der aufdringliche Pole vom Bahnsteig immer wieder patrouillierend an meinem Abteil vorbei. Der deutsche Mann in meinem Abteil kratzte inzwischen sein Restfranzösisch zusammen und schickte sich an mit den Mädels so ein bißchen "Erasmuskonversation" zu machen. Bedroht von all jenen Faktoren, gab es nur eine Chance für mich zu überleben: ein fünfeinhalb Stunden Hörbuch, Thomas Manns "Tod in Venedig" a.k.a.  fünfeinhalb Stunden semi-gaye Lobpreisungen an einen minderjährigen polnischen Jungen...dieser "Thomas Mann"! Da ich nicht wußte wohin mit ihm parkte ich meinen übergroßen Hartschalenkofer vor den Türen des Abteils, mit einer Reißleine ums Handgelenk gewickelt, die mich im Falle eines Diebstahls sofort aufwecken würde. So mußte ich bei jedem neuen Halt umständlich neueingestiegene Pasagiere an menem Kofer vorbeilotzen, bis sich die französischen Mädchen meiner erbarmten und mir zu verstehen gaben, daß sich unter den Sitzen doch genug Platz für mein Koffermonstrum befände..."Quel Blamage!". Nach vielen weiteren Stunden in denen ich in dieses schwüle Hörspiel gehüllt reiste, erschien endlich der lichtgetränkte Dunstkegel Warschaus am Horizont. Als mich der Zug auf den Bahnsteig kotzte, gab es nochmals ein bißchen Restangst, da der Reiseführer schreibt, daß das Aussteigen der kritischste Moment für den Polenreisenden sei, da professionelle Diebesbanden ein künstliches Gedränge um den wehrlosen, in den Gang gepferchten Deutschen erzeugen um sich so seiner Wertgegenstände zu bemächtigen. In einigen Fällen kommt es sogar zu aufgeschnittenen Rucksäcken. Ich stand nun zwar unbeschadet auf dem Bahnsteig, alles noch purer Osten, englische Ausschilderung Fehlanzeige, aber es war niemand dort um mich abzuholen. "Toll" dachte ich, alles nur eine Falle, gleich kommen Gosias polnische Brüder um die Ecke und rauben mich aus. Einen Anruf später hörte ich schon ein lautes "¡Hola, chico bonito!" und eine der hinreißendsten Wiedersehensszenen der Filmgeschichte spielte sich auf Bahnsteig "3" der Warszawa Centralna ab.
5.3.08 14:54
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(5.3.08 19:01)
da kriegt man sich wieder vor schmunzeln, lachen und erstaunen nicht ein. und am ende ziehen die geigen hoch – herrlich.


susi (7.3.08 12:00)
Immer wieder für eine Überraschung gut...
Erzähl doch mal, was du im Moment so treibst in Warschau!!!
Alles Gute!

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