bulletin
sport ist mord

Seit August 2007 jogge ich und gehöre somit auch zum sportlichen Teil der Bevölkerung. Im Prinzip ist Joggen ein Thema für sich und ich müsste dem Thema einen eigenen Blog widmen…nun ja. Während ich in Leipzig der Freak war, der um Mitternacht im Clara Zetkin Park, Liebespärchen und andere "Random-Passanten" aufgeschreckt hat, weil niemand um diese Zeit einen schnaufenden Jogger in "Tschibo-Mode" vermutet, bin ich in Bilbao um Mitternacht einfach mal einer von vielen, die kurz vorm Pennen nochmal joggen, um vom Tag runterzukommen. Daß das Leben hier bis spät in die Nacht hinein stattfindet ist absolut mein Ding und ich komme mir nicht mehr so strange vor. Auch in meiner WG geht keiner vor 2 Uhr schlafen. Hier in Bilbao zu joggen hat schon Stil. Die Leibesertüchtigung wird untermalt von einer herrlichen Kulisse, sogar die häßlichen Wohnblöcke in mediterranem Terrakotta funkeln wie kleine Sterne. Ich laufe von der Altstadt immer am Ria de Bilbao entlang, am Guggenheim Museum vorbei bis zum Hafen. Das ist eine ziemlich krasse Strecke, die es jedesmal aufs neue zu bezwingen gilt. Hier laufe ich jedoch nicht auf "crispem" Schotter oder weichem Waldboden sondern auf hartem Nazi-Beton, was die Anschaffung von neuen, prollesquen, Joggingschuhen in  Chrom und Orange erforderlich machte. So leuchtet er durch die Nacht und wenn er nicht gestorben ist, läuft er noch heute. Hier gibt es eine ganz eigene Kaste von Joggern: Männer Mitte 40. Ich habe sie Hardcore-Gays getauft, da die erhöhten Bewegungsschlitze im seitlichen Beckenbereich ihrer viel zu kleinen Shorts keinen anderen Titel zulassen. Der Joggingschlüpfer wird gerne mit Stützstrümpfen zur Venenstabilisierung kombiniert. Eines muss ich diesen Typen jedoch lassen, die sehen echt "tight" aus, wenn sie mit ihrem sehnigen Körper und den kurzen, grauen Haaren, fest wie Schamhhar, an einem vorbeirauschen. Ja, auch hier gibt es diesen "Jogginggruß" den ich noch nie verstanden habe und der wahrscheinlich einzig und allein dazu dient die Freimaurer von den Normalsterblichen zu unterscheiden. Was ich ursprünglich erzählen wollte, ist daß ich nach einer Woche erfolgreichen Trainings so clever war einen Riesenspaziergang durch Bilbao zu machen danach zu joggen und nachts noch mal loszugehen, um Photos für meinen Animationsfilm zu schießen. Die Konsequenz war, daß sich mein Bein am nächsten Tag falsch justiert anfühlte und laufen kaum noch möglich war. Ich sah das Ende meines Erasmussemesters schon an meinem geistigen Auge vorbeirauschen. Ruhe war geboten. Die ganze Woche versuchte ich mich daran zu erinnern, was mir  Betroffene jemals über Kreuzbandriß und Meniskusschaden erzählt haben, während die Schmerzen stetig abnahmen und ich mir fest vornahm beim nächsten mal nicht so "loco" zu sein. P.S.: Ich glaube die Hardcore-Gays laufen gegen das Schwinden Ihrer Sexualhormone an, immer zwei Schritte voraus–sei die Libido mit Ihnen!

19.10.07 20:46


zur wohnung

Die Wohnung liegt direkt im "Casco Viejo", im 5. Stock direkt unterm Dach und stammt noch aus der Zeit der Könige. Für mich als überzeugtes Plattenbaukind stellt die Wohnung eine besondere Herausforderung dar, denn den rechten Winkel sucht man hier vergebens. Alles ist irgendwie verwinkelt, mutet improvisiert und halbfertig an, typisch spanisch eben… Die Mädchen waren so aufgeregt, als sie mir mein Zimmer zeigen wollten, denn ich habe von allen noch das größte und beste Zimmer, was nicht davon ablenken soll, dass es ein richtiges Loch ist. Ein Drittel des Zimmers ist 1,20m hoch, weil das Dach dort schon einsetzt. Marode Balken ziehen sich durchs Zimmer, ja…gutes altes Fachwerk, hier baute man noch mit Lehm. Die Wände sind in Zitronengelb gestrichen und sind gezeichnet von den Spuren der Vormieter. Des weiteren gibt es eine Matratze (endlich wieder weich schlafen) die sehr nach Jugendherberge/Ferienlager aussieht (man will nicht wissen, was auf der Matratze schon alles stattgefunden hat) und mit einer Baumwolldecke bezogen ist. Ausserdem habe ich noch einen kleinen wackligen Schreibtisch und einen Kleiderschrank bei dem richtige Ostalgie aufkommt. Der Boden ist locker gekachelt und ist immer kalt. Licht fällt durch ein kleines fast quadratisches (52 cm x 47 cm) Fenster, das passend zum Thema auch noch mit drei vertikalen Metallstreben vergittert ist. Da ich noch keine Schreibtischlampe besitze, regelt sich die Arbeitseinteilung ganz von selbst. Wenn es dunkel wird kann ich halt nicht mehr zeichnen sondern nur noch am Rechner arbeiten. Das Fehlen von Internet und TV tut meiner Produktivität sehr gut. Neben einem Salon gibt es noch 3 weitere Zimmer die echt noch viel abgefahrener sind als meins, zwei davon mit einem Vorhang als Tür. Das Bad mit Wanne, WC und Waschbecken ist an sich gar nicht so schlecht, es gibt nur ein Problem: Die Tür. Die besteht nämlich aus vielen Kleinen Plastiklamellen und lässt sich (sehr laut) in sich zusammenfalten, schließt aber wiederum oben und unten am Türrahmen nicht ab. Insofern könnte man gleich eine "Saloontür" einbauen, es würde auf dasselbe hinauslaufen. Apropos, wenn es läuft, hört man das natürlich auch dementsprechend laut…Intimsphäre adé. Besonders appetitlich, da der Küchen-/Esstisch nichtmal einen Meter von der "Badezimmertür" entfernt ist. Ich habe da noch so meine Probleme, besonders bei grossen Geschäften, baut man sich dann mal eben ein Nest aus Klopapier, damit der Stift nicht so laut ins Wasser plumpst, ansonsten wird halt an die Beckenperipherie gestrullt um lautes Plätschern zu unterbinden. Meinen drei Mitbewohnerinnen ist das so ziemlich egal, die strullen was das Zeug hält, seltsamerweise, als stünde es in einem seltsamen Zusammenhang, immer gerade dann wenn ich esse.
19.10.07 19:33


zu bilbao

Irgendwie bin ich mit Bilbao noch nicht so richtig warm geworden. Ich weiß einfach nicht, ob ich es schön oder hässlich finden soll. Bilbao scheint auf jeden Fall rein geografisch kleiner zu sein als Leipzig, was aber täuscht da man hier auch in die Höhe baut und es mehr als nur ein Hochhaus gibt (siehe Leipzig). Irgendwie sind die Berge und Engen Gassen nicht meins. Bilbao liegt in einem Tal, durch einen Fluss geteilt und ummantelt von Bergen. Ich vermisse den Horizont schon jetzt. Ausserdem soll es hier 200 Tage im Jahr regnen, glaube ich zwar nicht ganz, aber wie war das nochmal in Geografie mit den Wolken die sich vor den Bergen abregnen? Einen kleinen Vorgeschmack in Sachen ganztägigen Regens habe ich schon bekommen und das reicht erstmal. Was das Wetter betrifft bin ich also vom Regen in die Traufe gekommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Rechnung: Spanien = Sonne geht also in diesem Fall nicht auf. Auch das ständige "Bergsteigen" beim passieren der Strassen ist noch voll ungewohnt und anstrengend. Das Guggenheim Museum habe ich mir auch immer grösser vorgestellt. Bin irgendwie enttäuscht, da es in den Bildbänden immer riesig aussah. Na ja ich war aber noch nicht drin und kann daher noch nicht viel sagen, sollte lieber nicht zu früh haten. Eine andere Eigenheit der Bilbos oder Bilbo Beutlinge (wie nennt man die eigentlich) ist, dass sie vor alles Bilbo setzen, BilboBus, BilboTren, BilboBank, Bilbophone. Das wäre ungefähr so wie "Brandenbus" oder "Berlinbahn"…‚ Scheiss Regionalstolz. Da warf sich mir die Frage auf ob es denn auch BilboMujer und BilboNiño gibt? Konsequenterweise müsste ich mich jetzt BilboBeuge nennen. Ich verfüge an und für sich über eine sehr gute Orientierung die hier allerdings auf eine harte Probe gestellt wird, da es die engen Gassen nahezu unmöglich machen zu navigieren. Viele Läden ähneln sich, haben die gleichen Auslagen im Schaufenster uns stiften somit Verwirrung. Ich würde mir in den Gassen nach links und nach rechts jeweils noch 2 Meter wünschen, diese Enge ist mir eigentlich schon viel zu intim. Dazu muss man sagen, dass sich unsere Wohnung im Casco Viejo befindet, was ungefähr dem Nikolaiviertel in Berlin oder der Leipziger Innenstadt entspricht, nur dass in diesem Viertel mehr los ist. Ich mache die Haustür auf und falle geradezu in den Club. Man befindet sich sofort im Leben und steht auf einer der vielfrequentierten Strassen. An mir laufen Touristen vorbei mit weitgeöffneten Augen und ich komme mir noch seltsamer vor, da ich ja selber irgendwie ein Tourist bin. Eine weitere Besonderheit Bilbaos sind die vielen Pantomimen, die sich thematisch wie folgt darstellen: trauriger Clown, Braut mit Maske, mittelalterliche Magd usw. (obwohl, richtige Pantomime sind das auch nicht, soweit ich weiß stellen Pantomime immer etwas dar, bzw. dürfen nicht sprechen während sie acten. die hier in Bilbao sind im "freeze-mode" und machen eigentlich garnichts, was wahrscheinlich gerade die Kunst ist… Es gibt in meinem Viertel auch viele Straßenkünstler, die jonglieren oder irgendetwas anderes draufhaben, was sie dann vorführen. Einer von ihnen jongliert wohl noch nicht so lange, bzw. seine Arme sind schnell müde, da ihm die Kegel ständig runterfallen. Außerdem wiederholt er fortwährend ein und den selben Satz in dem er um eine Spende bittet. Das ganze hört sich wie eine abgefahrene, monotone Litanei an, nur daß ihm nie jemand antwortet.
19.10.07 19:12


modern home of today

Wenn auch die neue Umgebung noch fremd ist, so tritt allerdings recht schnell ein ganz bestimmter Effekt ein nämlich dass eine Art "Ersatz- bzw. Interims-Zuhause" entsteht. In meinem Fall ist das mein neuer Laptop welcher sozusagen die Welt im Kleinen ist. Er ist mein Freund, mein Fernsehen, mein Büro, mein Seelentröster, mein Kino, mein photographisches Gedächtnis usw. Alle Strukturen, Ordner und Dateien sind an ihren bekannten Stellen und so stellt der Rechner letztlich ein Stück Heimat dar. Ein ähnlicher Effekt tritt bei anderen mitgebrachten Sachen ein wie z.B. Schlafsack, Kleidung, Tagebuch, Hausschuhe, Kopfhörer und Handy. All das kann zu deiner Heimat werden. Ich verfüge hier auch über so einen alten klapprigen und ziemlich kleinen Tisch, den ich mir erstmal schön deutsch hergerichtet habe, indem ich mir DINA4 Blätter zu 10 Parzellen nahtlos aneinander geklebt habe um auf diesem keimigen Tisch überhaupt arbeiten zu können. Eine Heimat im globaleren Sinne gibt es natürlich auch. Dies wird einem klar, wenn man an IKEA und H&M (wo übrigens genau die gleich Kollektion wie in Dtl. angeboten wird) vorbeigeht. Für die Frage, ob es denn hier einen H&M (Atsche ie Emme) gäbe, wurde ich natürlich ausgelacht. War ja auch dumm, bei Unternehmen wie McDonalds oder H&M fragt man in einer fremden Stadt nie ob es sie gibt sondern nur wo!
19.10.07 18:54


mittendrin

Ich habe festgestellt, dass man bei so einem Auslandsaufenthalt von Anfang an auf einem ganz anderen Film ist. Die Frage "..und was gucken wir uns heute an?" stellt sich erst garnicht. Man erschließt sich Stadt nicht unter touristischen Gesichtspunkten, sondern hält eher Ausschau nach den praktischen Dingen des Lebens wie Supermärkten, U-Bahn und Strassenbahnverbindungen. Ich kann zwar nicht behaupten hier in irgendeiner Weise schon angekommen zu sein aber auf jeden Fall habe ich gleich begonnen zu leben und nicht ausschliesslich zu schauen. Es ist komisch, wie sich schon nach kürzester Zeit bzw. selbst in den kleinsten Zeitabschnitten so etwas wie Routine einstellen kann.
19.10.07 18:46


stundenplan

Shit, mein Stundenplan ist so tight, da kann man nicht mal mehr ein DIN A4 Blatt drunterschieben. Miau, miau. Ich nehme derzeit an 5 Kursen, die mehrtägig stattfinden und noch an zwei Sprachkursen teil. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag muss ich spätestens um 6.h aufstehen, um noch mit warmem Wasser duschen zu können und um schliesslich den Bus zur Uni noch zu erwischen. Der Unterricht beginnt dann um 8.h, man steht mit ausgestrecktem Arm da, kann die Kohle kaum halten und soll ein Aktmodell zeichenen. Wer auch immer dieses Gerücht vom "Easy-Erasmus-Semester" in die Welt gesetzt hat, lügt aber wahrscheinlich hängt es nur davon ab, ob man die Sache ernst nimmt oder nicht. Hier gibt es so viele interessante Kurse, ein regelrechter Süsswarenladen für Kunststudenten. Derzeit studiere ich Animation, Zeichnen von Bewegung, Anatomisches Zeichnen, Illustration und Malerei. Ich bin gespannt, wie lange ich das durchhalte und wie viele Kurse übrigbleiben, aber Unterrichtsbeginn um 8.h ist wirklich krank!
11.10.07 13:44


die woche danach

heute ist meine erste woche in bilbao um und ich habe das seltsame gefuehl bereits alles gesehen und gemacht zu haben, nicht etwa, dass die stadt etwa nichts mehr hergebaebe, doch es hat sich durch den beginn des semesters ganz schnell wieder eine routine eingestellt, so dass ich mich manchmal kneifen muss, um den touristischen blick auf die dinge nicht zu verlieren und mir gewahr zu werden, dass ich nur auf zeit hier bin. bilbao kann so schoen sein, wenn mal die sonne scheint. mittlerweile stelle ich sogar nachforschungen darueber an, ob ich nicht sogar noch ein weiteres semester bleiben kann, damit sich der aufwand im vorfeld auch gelohnt hat. ein kleines bisschen bin ich auch stolz auf mich, weil das mit der verstaendigung echt ein hartes brot ist. der baske spricht an sich kein und wenn dann nur ungern englisch. und bisher habe ich mich ueberall alleine durchgefightet, was sprache, orientierung, kurse, professoren usw. betrifft.
4.10.07 22:14


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