bulletin
2 monate danach - ein resümee

Ich bin jetzt auf den Tag genau schon 2 Monate hier und ich muß sagen daß ich in den letzten Wochen das Hardcoreprogramm in Sachen Verhaltenstherapie durchlaufen habe. Ich kann garnicht mehr zählen wie oft ich in letzter Zeit die Arschbacken zusammenkneifen und Dinge tun mußte vor denen ich mich sonst immer gedrückt habe. Ich habe jetzt in meinem Zimmer einen kleinen Heizstrahler und neues Bettzeug. Den kompletten ersten Monat habe ich jedoch im Schlafsack gepennt, in einem kalten Zimmer und es war okay. In zwei Monaten hat sich in meiner Wahrnehmung viel verändert. Ich kann nunmehr Dinge aus meinem bisherigen Leben in Deutschland aus einem völlig anderem Blickwinkel betrachten, ganz einfach weil es sie hier nicht gibt und sie sozusagen wie freigestellt vor mir liegen, bereit seziert zu werden. In letzter Zeit habe ich viel darüber nachgedacht ob es soetwas wie Karma tatsächlich gibt als eine Art höheres aber unsichtbares Leitsystem (Recherche noch nicht abgeschloßen...). Außerdem bin ich innerlich stark irritiert durch die unterschiedlichen Werte in Deutschland und hier. Bei uns in Dtl. gestaltet sich das Ranking wie folgt: Realisierung des Individualfilms, Sex, Freunde und Familie. Hier jedoch kommt zunächst die Familie dann erstmal eine ganze Weile garnichts danach Essen, dann Freunde und Familie und schließlich Sex (Ranking nur fürs Baskenland verbindlich). Ich muß also nun darüber nachdenken, wie ich mein Wertesystem zum Guten neu ordnen kann bzw. ob es überhaupt möglich ist diesen Maßstab eins zu eins auf Deutschland zu übertragen. Viele andere Dinge haben sich ebenfalls verändert, so bin ich jetzt sogar mit der ekligen Decke, die meine Matratze ziert, "down" und schlafe auch darauf. Das mit dem Duschen ist kein Problem mehr. Ich meide die streßige Rush Hour in der WG und habe mir biologische Nischen gesucht vorzugsweise dusche ich kurz vorm Schlafengehen oder stehe schon um 6 Uhr auf und bin der König des Warmwassereservoirs. Ansonsten halte ich es barock und trage dementsprechend viel Parfüm auf. Auch an die verflixten Stromausfälle habe ich mich irgendwie gewöhnt. Es darf nur eine bestimmte Anzahl von Geräten in der Wohnung Strom ziehen. Wird diese Grenze überschritten bricht der Strohmkreislauf (ja Pröhl...dafür gibt es sicherlich einen Fachbegriff...) zusammen und man muß sich im Dunklen zum Sicherungskasten vortasten und den Schalter wieder umlegen. Man muß zum Beispiel so absurde Entscheidungen treffen wie "Laß ich jetzt lieber die Lampe eingestöpselt und sehe was ich mache oder sitze ich im Dunklen und kann dafür aber am Rechner arbeiten...?". Schön ist das mit den Stromausfällen dennoch nicht besonders wenn man gerade ein Backup auf seine externe Festplatte macht und kurz vorm Ende steht und plötzlich der Saft wegbleibt, nicht wissend ob es einem die Platte auch diesmal verzeihen wird. Meine Mitbewohner habe ich hier noch garnicht vorgestellt aber ich habe durch sie gleich den direkten Einstieg in das Leben hier erhalten und wäre ohne sie bestimmt auf mancher Ausstellung nicht gewesen. Manchmal haße ich sie jedoch abgrundtief, besonders wenn sie mich nicht schlafen lassen. In ihren Adern fließt pures Zigeunerblut und sie rotten sich oft ohne jeglichen Grund in der Küche zusammen und feiern sich selbst...sehr laut. Hier gilt ein Satz nur dann etwas, wenn er möglichst laut artikuliert wird. Ich denke mal daß es aber immer so ist wenn mehrere Leute zusammenwohnen. Ich glaube, wenn ich zurück nach Dtl. gehe werde ich wohl höchstens in eine dreier WG ziehen. Eine WG hat den Vorteil daß man nicht so allein ist und wie in meinem Fall zu viel Zeit hat über die Welt nachzudenken. Letztenendes ist so eine WG auch immer Lieferant für neuen Input und auch Ratgeber. Außerdem läßt man sich nicht so gehen wie als Einsiedler und zieht sich auch mal eine Jeans über die Boxershorts. Ich lasse jetzt beim Toilettengang auch den Spaßriegel (ein zu einem Haken gebogenes Blech) weg und meine käftiger Strahl aus Morgenurin hat sein Schattendasein in den Perepherien des Porzelans verlassen und trifft nun selbstsicher den tiefen Schlund des ewig gurgelnden Klobeckens, egal ob nebenan gegessen wird oder nicht. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier und nach einiger Zeit fallen umständliche Höflichkeitsformen einfach weg. In der Anfangszeit habe ich den Mitbewohner nicht genug vertraut und das Geschirr sicherheitshalber immer nochmals abgewaschen. Ich glaube von Tensiden haben die hier noch nie gehört. Man wäscht hier auch nicht mit einer Wasser-Spülmittellauge ab sonder pumpt das Spülmittel direkt in den Schwamm und reinigt fast trocken um dann nur noch unter dem Wasserhahn abzuspülen. Neulich wurde meine Privatsphäre mal wieder gefickt, denn gerade als ich unter der Dusche zur Intimrasur ansetzte und dementsprechend das Gemächt in den Händen hielt, betrat nichstahnend Mohsen das Bad mit der Begründung "...aber es war doch kein Licht an!". Ich sollte ab sofort eine große rote, vergitterte Industrielampe außen installieren, die aufleuchtet wenn ich das Bad benutze: "Oh, Alexman rasiert sich wieder den Schritt!". Jeder Resozialisierungsbetreuer wäre stolz auf die zwischenmenschlichen Fortschritte die ich bisher gemacht habe aber es gibt eine Sache die kann ich noch immer nicht: "Teilen". Ich haße es zu teilen, besonders Nahrung! Am schlimmsten sind die, die "nur mal kosten" wollen. Die anderen sind da edleren Gemüts und bieten mir ständig irgendwelche exotischen Sachen zum Probieren an und ich schlage natürlich zu. Ich hingegen bewahre immer noch meine Süßigkeiten und Nudeln im Kleiderschrank auf. Ganz einfach weil hier schon "versehentlich" meine Nahrungsmittel aufgebraucht wurden. "Oh Alex ich glaube ich habe meine Marmelade mit deiner verwechselt, die ist jetzt übrigens alle!" (Schluck) und ich heuchle ein "Ach, ist doch nicht so schlimm.". Ich merke immer mehr daß dieser "Partyfilm" einfach nicht mehr mein Ding ist (war in 2 Monaten erst einmal Tanzen und auf einem Konzert). Ich schiebe momentan eher einen ausgeprägten "Naturfilm". Fast jedes Wochenende nimmt mich Aitor,mein Sprachtandem mit auf eine Tour zu Städten an der Küste und in den Bergen. Das Groteske ist dabei, daß ich wenn wir uns um 9. oder 10. Uhr treffen, an den ganzen Junkies und Opfern vorbei muß die der Club gerade ausgekotzt hat. Aus den offenen Türen quillt noch der milchige Schmand der Nacht, eine Mischung aus Schweiß, Rauch und heißer Luft. Ich bahne mir den Weg vorbei an den Nachttieren und denke mir "...wie absurd, für die endet gerade der Tag und für mich beginnt er.". Ich hatte in letzter Zeit ganz oft soetwas wie Eingebungen in der Natur. In der Natur schein so eine Art Wahrheit oder Wahrhaftigkeit zu liegen...hört sich jetzt voll abgefahren an, ist aber so! Vielleicht bin ich einfach nur reifer bzw. "alt" geworden. Wißt ihr woran man noch merkt daß man alt wird? Wenn man beim Rasieren die Haut straffziehen muß. Passiert mir immer öfter ;-)
27.11.07 23:49


koch wider willen

Kochen ist für mich im Prinzip die Zeit in der ich nicht an meinen Illus arbeiten kann. Essen ist eine lästige Notwendigkeit genauso wie Schlafen. Essen ist eigentlich nur dann gut wenn es für einen gemacht wird und jemand anderes hinterher abwäscht. Nun bin ich hier aber in einem Teil der Welt gelandet wo Essen einen ziemlich hohen Stellenwert einnimmt und sogar Sex um einen Platz aussticht. Was ich in den letzten zwei Monaten gekocht und abgewaschen habe geht auf keine Kuhhaut. Normalerweise wasche ich alle 6 Monate mal ab, wenn es hoch kommt. Dafür habe ich aber meinen einen Teller und meinen einen Löffel in "heavy rotation". Hier kann ich leider nicht das ganze Gefrierfach mit Junkfood vollstopfen, wie ich es sonst zu tun pflege weil der Platz im Kühlschrank durch 5 geteilt werden muß. Daher bleibt nur eines: Kochen und zwar täglich. Ich hasse es aber wie bei allen Sachen die gesund sind muß es wehtun. Die ersten Wochen wurde ich von meinen Mitbewohnern ausgelacht für meinen Pizza- und Fischstäbchenkonsum. "So eßt ihr also in Deutschland?" hieß es. Nun bin ich der denkbar schlechteste Repräsentant der deutschen Küche. Trotzdem fühlte ich mich in meiner Ehre gekränkt ich komme doch schließlich aus dem Land der Eiche. Ich rüstete auf und kaufte alles ein, was irgendwie gesund aussah. Zunächst gab es gekochten Chicorée, der mit Schinken umwickelt und im Ofen nochmals gebacken wird. "Voila", eine französische Backpfeife direkt in die vorlauten Mäuler der WG. Ich esse jetzt bestimmt 4-5 mal pro Woche Salat und erfand auch noch einige andere Gerichte, die Gemüse involvieren. Leider gingen meine kulinarischen Ideen relativ schnell zur Neige und ich stopfe die Tage an denen es mir an Kochlust mangelt wiederum mit Pizza. Da gab es neulich so eine Diskussion um Essen, in der mir die Mädels klarmachten, daß der einzige Grund warum ich dauerkrank bin, meine schlechten Eßgewohnheiten seien. Ich würde immer nur "Mist" essen und da man schließlich ist was man ißt, sei ich eine Pizza. Na ja, ganz unrecht haben sie ja nicht. Ich mußte mir ja von den Basken schon eine Menge Unsinn anhören aber neulich hieß es daß es im Baskenland verpöhnt sei zu würzen, da die Qualität der Lebensmittel hier so gut sei. Die Kultur des Würzens käme, laut ihnen, aus ärmeren Regionen, in denen das Essen schlecht sei und man Gewürze hinzufügen müße um es überhaupt schmackhaft zu bekommen. Was für ein bullshit, das Würzen ist eine Kunst für sich ebenso wie die hohe Kunst des Sarkasmus. Kurzum, mein Körper entschlackt zumindest ansatzweise. Merke: Kochen ist hier Lebenssinn und nicht notwendiges Übel. Warum kann ich denn eigentlich nicht meine ganze Nahrung in gepreßten Nahrungskonzentratsriegeln für Astronauten zu mir nehmen?
27.11.07 02:05


carrefour

Zum Einkaufen gehe ich hier immer in den "Carrefour" eine französische Supermarktkette (dessen sind sich sicherlich die wenigsten Basken bewusst). Der "Carrefour" hat eine mit Kaisers vergleichbare Optik, was die Präsentation der Waren betrifft, doch die Preise sind günstiger, da es auch eine Hausmarke gibt, die den Namen wirklich verdient. Lediglich das mit dem "teure-Waren-oben-kleine-Preise-unten-System" haben die Basken noch nicht etabliert, ich suche mich jedesmal dumm und dämlich, bis ich kurz vor der Kasse doch noch ein günstigeres Angebot entdecke. Jedenfalls spielen die in dem Carrefour immer total abgfahrene Mucke, z.B. Reggae oder Chansons von Jaques Brell oder Gilbert Becault...."Natalie"! Hier ist auch alles frischer, die haben sogar eigene Abteilungen für frische Meeresfrüchte, frische Brote und frische Pizzen. Ich für meinen Teil bin ein notorischer Einkaufswagenbenutzer. Davon gibt es aber nur 10 Stück im ganzen Supermarkt und zu alledem sind die Teile auch noch extrem schwer zu benutzen, da man sich bei den Hinterrädern anscheinend das Kugellager gespart hat. Es fühlt sich an als wäre man mit einem dicken unmündigen Kleinkind unterwegs dessen Arsch man immer in die gewünschte Richtung drehen muss um korrekt in den Gängen navigieren zu können. Vielmehr ist hier die Kultur der Beutel und kleinen Rollkörbe mit Teleskopgriffen verbreitet. An der Kasse packen die Verkäuferinnen einem den Einkauf, insofern sie Bock haben, in kostenlose, dünne Minitüten ein. Darin wird dann tatsächlich der ganze Einkauf transportiert. Wenn die Kunden dann den Supermarkt verlassen sehen sie aus, als hielten sie einen Riesenblumenstrauß aus Plastik in den Händen, da die Tüten unnatürlich weit vom Körper abstehen. Nun ist Eile geboten, da man nie weiß wie lange die Freunde aus dünnem Plastik noch ihren Dienst leisten. Ich hingegen verweigere mich nach wie vor den Tüten und gehe umweltfreundlich mit Campingrucksack und Jutebeutel einkaufen. Soetwas haben die Leute hier noch nie gesehen..."alienesque". So weisen mich die Kassiererinnen auch jedesmal mit besorgter Miene darauf hin, daß man mit den Einkaufswägen den Supermarkt nicht verlassen dürfe. Ich nicke routiniert und deute auf meinen Reiserucksack. Die Kassiererinnen hier sind echt langsam und arbeiten sozusagen in Matrix-Zeitlupe und unterhalten sich noch mit ihren Kolleginnen. Dagegen sind unsere Aldimitarbeiter Formel 1 Piloten. Die Langsamkeit des Kassenpersonals wird aber wieder dadurch wetgemacht daß man, wenn man wirklich mal eine Tüte benötigt erstmal den Einheitsfladen aus Plastik entschichten muss.
24.11.07 03:18


die strassen von san francisco

Man darf Bilbao nicht unterschätzen! Ich habe am Freitag (16.11.07) mit meinen Mitbewohnern etwas in einem arabischen Imbiss gegessen. Dazu muss man sagen, dass der Imbiss in einem benachbarten Viertel namens "San Francisco" liegt, dass hier als ziemlich berüchtigt und gefährlich gilt. Da ich dort bisher nur tagsüber unterwegs war, habe ich diese angeblich so "gefährliche" Gegend immer ein bisschen belächelt, man kommt ja schlieslich aus "Berlin Fucking City"! Man sieht dort Huren an der Strassenecke rumstehen und viele Araber und Afrikaner, die in Grüppchen an der Strassenecke herumlungern und checken. Sieht erstmal alles ganz beschaulich aus und wirkt in diesem “Setting” wie das normalste der Welt. Nun begab es sich aber so, dass ich auf dem nach Hause Weg hinter meinen Leuten lief um, wie könnte es anders sein, Fotos von der "Situation" zu machen. Plötzlich kommt ein einzelner Araber auf mich zu und sagt etwas wie: "Ey Alter, cooles Handy...lass mal ein Foto zusammen machen..." Ganz natürlich schellen meine Alarmglocken, doch ich denke mir "sei nicht so voreingenommen, schliesslich sind die Leute hier bisher immer voll nett gewesen". Er legt also seinen Arm um mich und steht links von mir. Ich stelle am Handy alles ein und denke "warum eigentlich nicht" während er von links nach rechts wechselt und meint ich müsste den Arm noch höher halten. Ich frage also "ungefähr so?" und er entgegnet "Ja, und so und so und so" und während er dies sagt, merke ich, dass er indess sein ausgestrecktes Bein zwischen mein Bein gestellt hatte. Es folgte, was kommen musste, ein Stoss nach vorne. Ich konnte alles wie in Zeitlupe mit ansehen, da er sich bei dieser "Beinstellnummer" aber so unglaublich dämlich angestellt hat, bin ich nicht auf die Fresse geflogen (die Strasse hat 20% Gefälle) sondern nur gestolpert. Im nächsten Moment denke ich "wie blöd ist der denn, so kann man doch niemals ein ordentliches Photo machen". Zwei Schritte später fühlt sich meine Gesässtasche irgendwie leer an. Ich drehe mich also um und sehe den Typen fünf Meter weiter (wie blöd muss man eigentlich sein) hastig an irgendetwas rumfingern. Ich renne also von hinten auf den Typen zu und schreie "¿Ey tío, qué haces?" während ich ihn mit beiden Armen umfasse (voll leichtsinnig eihgentlich). In Panik schleuderte er widerum seine Arme nach oben um sich aus meiner Umklammerung zu befreien. Mein Portemonnaie fliegt also weit weg. Er haut ab und ich renne sofort zur Geldbörse und sammle wie in Trance mit einer "Wasserschöpfgeste" alles ein was irgendwie nach Portemonnaie aussieht und renne mit Schritten so laut wie Pferdehufe auf Beton die Strasse herunter zu meinen Mitbewohnern. Zuerst habe ich keinen Ton rausbekommen und versuchte dann kurz mit spanischen Einzelworten zu erzählen was geschah. Mein iranischer Mitbewohner "Mohsen" meinte "warum hast du denn nicht gerufen, ich spreche doch Arabisch?". Ich kontrolliere mit zitternden Händen das Portemonnaie auf seine Vollständigkeit und es schien nichts zu fehlen. Das krasse war, dass der Araber sich einfach ganz keck wieder an seine Ecke stellte. Als ich den Typen umklammerte, sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich seine Kumpels näherten, zurückgehen hatte also garkeinen Sinn. Da bin ich einfältige, dicke Touristentaube also nochmal glimpflich davongekommen. Was irgendwie so unglaublich peinlich ist, ist dass ich in Berlin schon in viel krasseren Gegenden unterwegs war und mir ausgerechnet hier im verträumten Bilbao soetwas passieren muss. Kurzum, es fehlt nichts (mein Portemonnaie ist kompliziert zu bedienen) und ich bin wieder eine Erfahrung reicher bis zum nächsten mal wenn ich wieder 50 € auf der Strasse gegen eine völlig wertlose Phantasiewährung tausche.

 

18.11.07 19:10


being offline sucks!

zur zeit funktioniert der router in unserer WG nicht. da meine mitbewohnerinnen zu verpeilt/verkifft sind die telefongesellschaft anzurufen und die angelegenheit zu regeln, gibt es erstmal keine neuen eintraege. herzlichst: internetcafeschmandttastaturfinger-beuge.
27.10.07 18:06


status quo 21.10.2007 15:30

Ich habe bisher schon einige zaghafte Versuche unternommen Kontakte zu knüpfen, doch die Konversationen dauerten nicht sehr lange, nicht weil mir der intellektuelle Treibstoff ausging und ich an Höhe verlor, sondern weil sich keine Vokabeln mehr in der Revolvertrommel befanden: click, click…kein Schuß. In der Uni bewege ich mich in einer Art Vakuum, ich weiß zwar, daß ich existiere, weil ich mich ab und zu kneife und es weh tut aber abgesehen davon fühlt es sich an als würde ich überhaupt nicht wahrgenommen. Es wird sicherlich an mehreren Faktoren liegen. Zum einen habe ich den Status eines Erasmusstudenten, mit dem es sich eh nicht zu beschäftigen lohnt, da der ja in einem Semester schon wieder geht. Hinzu kommt die Sprachbarriere, die ich wohl völlig unterschätzt habe. Es verhält sich also so, daß ich wie schon erwähnt, nicht ausreichend Spanisch spreche und die Basken partout kein Englisch. Sie verstehen Englisch, keine Frage, aber sie würden es niemals zugeben, geschweige denn sprechen, da sie für den Makel einer verkackten Aussprache viel zu stolz sind. Heißt also Grabenkrieg, in dem keiner den ersten Schuß abgeben will. Außerhalb der Erasmus- und WG-Blase kenne ich eigentlich nur zwei Basken: "Aitor" und "Xomin". Was sich zunächst wie nordische Gottheit trifft auf chinesische Konkubine anhört, sind zwei Basken, die für die Region völlig typische Namen haben. Mit den beiden mache ich ein Sprachtandem bzw. Intercambio. Aitor ist 32 und arbeitet als Trainer für Kundenservice und untersucht in seiner Freizeit Wohnungen mit seiner Wünschelrute auf die "Hartmannschen Linien" hin. Eine Art Feng Shui für Fortgeschrittene. Xomin ist 29 Jahre alt, kommt gerade aus der Schweiz, wo er ein Jahr lang als Kellner gearbeitet hat und ist zudem gerade frisch getrennt von seiner langjährigen Freundin aus....tatatataaaaa: Magdeburg! Es tut gut ab und zu mal ein bißchen Deutsch in die Sätze einflechten zu können, wenn man nicht mehr weiter weiß oder einfach nur sagen zu können: "weißt wie ich meine?" ohne daß man einen fragenden Blick erhält. Also derzeit hocke ich abends am Wochenende noch viel zu oft zu Hause rum und mache meine "Schulaufgaben" immer begleitet von einem internen Kampf zwischen "Studium ernstnehmen" und "Spaß haben bzw. alles mitnehmen". Meine Projekt für die nächsten Wochen heißt also "Neue Leute kennenlernen". Jedenfalls bin ich jetzt vollgesogen wie ein Schwamm ich kann nichts mehr aufnehmen. Ich habe zudem das Gefühl in den letzten 3 Wochen mehr gesehen zu haben als in den letzten 3 Jahren meines Studiums in Leipzig.
21.10.07 17:32


die basken

Die Basken sind so eine Art Übermenschen, die können sogar rückwärts zur Fahrtrichtung im Bus sitzen, ohne daß ihnen dabei schlecht wird oder einem während sie Auto fahren die Landschaft erklären (die Hände, weil wild gestikulierend, berühren hierbei nur selten das Steuer). …und unterhalten können die sich wie die Weltmeister, egal ob um 8.h oder um 18.h ob auf Baskisch oder Castellano, die haben sich immer etwas zu erzählen, was mein fragiles Nervenkostüm extrem überreizt. Ich habe spaßeshalber ein paar mal die Kamera mitlaufen lassen, nur um es beweisen können. Ich glaube in meinen Aufnahmen wird deutlich, dass die Passagiere lauter sind als die gesamte Mechanik des Buses. Die Basken sind ein sehr stolzes Volk. Worauf sich dieser stolz genau begründet, ist nur schwer zu ergründen. Meines Wissens nach ist es ihnen weder gelungen die Römer zu vertreiben noch Sauron zu besiegen. Spaß beiseite, mir ist überzogener National-/ Regionalstolz in jeder Form suspekt. Ich fühle mich hier oft an meine Erlebnisse in den U.S.A. erinnert, nur daß sich deren Nationalstolz noch weniger begründet und echt lächerliche Auswüchse angenommen hat. Na ja, ich glaube es ist vielmehr die Kultur des Leidens und der ständige Widerstand gegen die Herrschaftsbestrebungen diverser Fremdmächte, die die Basken zu so einem verschworenem Haufen zusammen geschweißt haben. Seitdem die 22 Batasuna Mitglieder verhaftet wurden, ist die Kacke richtig am dampfen, da hier viele Demos stattfinden und die Stadt übersät ist mit Transparenten und Graffitis in baskischen Majuskeln mit roten Sternen und manchmal auch Maschinenpistolen. Ich weiß zwar nicht genau was dort geschrieben steht aber ich stelle mir dann einfach soetwas vor wie: "¡Köpi bleibt!" obwohl es den Punkt wahrscheinlich nicht ganz trifft. So stolz der Baske auch ist, so herzlich kann er auch sein, wenn er denn will. So haben mich meine Intercambio Partner Aitor und Xomin unabhängig voneinander zu Essen und Drinks eingeladen. Nach dem ersten Mal wußte ich zwar schon wie der Hase läuft, habe mich aber dennoch dumm gestellt und erstaunt getan, als mein Portemonnaie abgewiesen wurde. Es ist baskische Tradition, daß einen der Baske beim ersten Kennenlernen einlädt! Beim nächsten mal bin ich dann wohl dran, glaube ich. Wenn man hier in einer Gruppe unterwegs ist und zusammen in einer Bar etwas trinken geht, bezahlt einer für alle und die anderen geben es einem dann wieder. Daß der, der ausgelegt hat dabei miese macht ist unabwendbar aber das sind schon wieder deutsche Gedanken. Das Baskenland ist eine Servicewüste sondergleichen. Der Deutsche Bahn Service Point ist eine Oase der Freundlichkeit im Vergleich zu dem, was ich hier schon an Kundensituationen erlebt habe. Wenn man überhaupt bedient wird (kann bis zu einer gefühlten halben Stunde dauern) dann geschieht dies oft sehr unfreundlich und fordernd, so als müßte man sich regelrecht beim Verkäufer für die geliehene Zeit bedanken. Als ich mir neulich einen Drucker gekauft habe im namenhaften "Corte Ingles", wurde ich samt meiner Fragestellung von einem zum nächsten Verkäufer delegiert. Ständig rauschten Models im Büro-Haute-Couture an mir vorbei und keiner besaß den notwendigen Bachelor mir diesen Canon Drucker zu erklären. Schließlich ließ sich ein Halbgott im Armanidress (direkt aus einer argentinischen Telenovela) dazu herab mich nach meinem Anliegen zu fragen. Ich kramte alle vorher nachgeschlagenen Vokabeln betreffs Drucker hervor, mühte mich ab, nahm meine Pantomimeskills zur Hilfe wie ein gut dressiertes Äffchen während der Verkäufer mich nur müde anlächelte und im Prinzip die ganze Zeit kein Wort verstanden hatte. Wer konnte denn ahnen, daß es nur einen Anschauungsdrucker gab und das Modell für mich erst aus einem unterirdisch gelegenen Lagerraum zu tage befördert werden mußte. Beim Bezahlen machte er mich noch auf die Garantiebestmmungen aufmerksam in der Rhetorik von texanischen Rinderversteigerungen. Ich verstand kein Wort und bat um Wiederholung. Wiederholt wurde der Satz aber nicht minder langsam. Das ist genau der Punkt, der mich hier so ankotzt. Ich gehe sprachlich gesehen 3 Schritte auf die Basken zu (man könnte sich ja in der Mitte treffen) und die kommen mir nichtmal einen Zentimeter entgegen, sondern bleiben einfach stehen, weil es am bequemsten ist. In dem Atemzug sei auc erwähnt, daß hier grundsätzlich jegliche Anglizismen vermieden werden und geht das mal nicht, findet man schon irgendeinen Weg es spanisch auszusprechen. Es wird nicht mal annähernd versucht englisch zu klingen, so wird aus "Junky" = "Jonkie" und "Eyeliner"="iyeliener". Wenn man den Basken trotzdem mal mit Englisch kommt, dann gucken die einen an, als wäre man ein Alien, das eine "freaking Monkeylanguage" spricht. Ansonsten ist hier alles lauter und körperlicher. Ich zucke immernoch zusammen, wenn sich zwei Typen begrüßen (das kann schon 100 Meter entfernt beginnen) ich denke dann jedesmal "oh shit, die boxen sich gleich!" aber die spielen ja nur miteinander. Außerdem ist man hier viel körperlicher miteinander, da oft Berührungen als Satzzeichen verwendet werden. Ist doch total klar, daß man als Deutscher, da Berührungen bei uns ja eher rar gesät sind immer gleich denkt die wollen was von einem.
21.10.07 17:29


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