bulletin
da geht was

Ich habe gerade eine e-mail empfangen von einem Typen der "Students' Union" (ist die hiesige Version des Studentenwerks) für die ich eine Broschüre gestaltet habe. Die wiederum hat anscheinend so viel Anklang gefunden, daß man mich nun direkt angesprochen hat für ein anderes College einen ähnlichen Job zu gestalten. Mund zu Mund Propaganda nemmt man das. Cool! Es ist das erste mal daß man auf mich zukommt ohne daß ich vorher angefragt hätte. Die Sache kommt langsam ins Rollen.
18.11.08 02:03


die wohnung

Wie schon erwähnt, ist unser Zimmer nur 8m² groß. Ein Zusammenleben auf engstem Raum zu organisieren, ist für jede Beziehung eine Bewährungsprobe. Nach einem Monat fingen wir langsam an uns zu hassen und jede Bewegung des anderen war eine Provokation von internationalem Ausmaß. Als wir Mr. Mike kennenlernten meinte er, daß er für seine Kinder immer Kleidung und Spielzeuge auf diesem schäbigen Walthamstow Market eingekauft hätte, da er keinen Grund dafür sähe Kindern neue bzw. ungebrauchte Sachen zu kaufen, weil sie ja nach einer Weil sowieso aus den Sachen herauswachsen würden. Ähnlich verhielt es sich mit dem Mobiliar in seinem Haus. Ferner meinte er, man solle nichts wegschmeißen, man kann viele Möbel immer noch gebrauchen. Diese Einstellung ist ja an sich lobenswert aber der liebe Mr. Mike sollte doch mal überlegen, ob ab einem gewissen Grad der Abnutzung nicht eher der Sperrmüll der geeignetere Ort für seine Möbelstücke wäre. Im Grunde genommen hat das garnicht so viel mit einer bestimmten Lebenshaltung zu tun sondern mit Effizienz und da wären wir wieder ganz schnell beim Kapitalismus und der schreibt sich in London mit Großbuchstaben. Herr Mike war nämlich früher mal in der Immobilienbranche tätig bevor er sein eigenes Plattenlabel gründete. Sich quasi an der Quelle befindend kaufte er mehrere von solchen...jetzt hätte ich beinahe "Hurenhäusern" geschrieben.   
So war es dann auch nicht verwunderlich, daß beim ersten Probeliegen auf der Matratze prompt eine fette Spinne aus einem bis dato unentdecktem Loch hervorschoß. Die Matratze war, abgesehen von diesem Mitbewohner, aber derart klein geraten, daß Gosia und ich seitlich auf unseren Beckenknochen schlafen mußten, um nicht wieder auf diesem schmutzigen Pseudolaminat zu landen. Die erste Nacht schliefen wir auch ohne Zudecke, lediglich ein Bettlacken blieb uns. Ein zweites, hauchdünnes Bettlacken war die fast unsichtbare Grenze zwischen unserer Haut, der Matratze und diversen Krankheiten. Diese Nacht war eine der kältesten an die ich mich erinnern kann. Warum befindet sich auf alten Matratzen denn immer ein klassischer großer Fleck, der im Prinzip von allem möglichen herrühren könnte: Durchfall, Tomatensaft, Regelblut oder Kotze. Man denkt dann natürlich sofort an die Leute die vorher auf dieser Matratze ihr Haupt betteten und wie die es wohl so mit der Hygiene hielten. Es sollte eine Woche dauern, bis wir eine neue Matratze erhielten, die zwar breit genug aber mit nicht weniger Flecken ausgerüstet war. Ein paar Häuser weiter entdeckten wir zu unserem Grauen eine Matratze, des gleichen Herstellers: gleiches Model, gleiche Farbe und in Puncto Flecken nicht weniger üppig. Die Vorgärten der Häuser in unserer Nachbarschaft waren allesamt richtige Müllkippen. In einem gegenüberliegendem Haus wohnte eine polnische Familie mit Bauarbeiterhintergrund und die ließen bei ihrer Abreise ihr ganzes Hab und Gut einfach so im Vorgarten zurück. Am schönsten war es die Passanten dabei zu beobachten wie sie sich für den Krempel zu interessieren begannen. Mein Favorit war ein alter Mann mit seiner Frau, die nachmittags diesen Schatz entdeckten und nachdem ER alles zögerlich befühlte und sich tausend mal nach allen Seiten umblickte, kam er abends mit einem Einkaufswagen und mächtigen IKEA Tüten wieder um das Zeug abzutransportieren. Unser Zimmer ist nicht nur unglaublich klein sondern jedes Teil in ihm hat auch seine ganz besondern Eigenheiten.  Man muß sich den Grundriß des Zimmers als Quadrat vorstellen aus dem dann rechts oben ein weiteres Viertel für das so-genannte Bad abgezogen wurde. Wie es bei einem richtigen Bad so üblich ist, gibt es natürlich auch eine Tür, die sich leider, wenn jemand auf dem Lokus sitzt nicht mehr öffnen läßt, da sie clevererweise nach innen öffnet. Das Klo als gleichsam einziger Ort der Besinnung ist aber ständig verstopft. Wie wir später erfuhren, wohnte vor uns ein rumänisches Paar mit ihrem Kleinkind in unserem Zimmer. Ich verstehe nicht, wie es ihnen möglich war in diesem ohnehin zu klein geratenem Stall auch noch ein Kind zu halten. Dieses Kind hat angeblich ein Spielzeug im Klo versenkt (wahlweise einen Transformer) und seitdem gibt es diese Verstopfungsproblematik. Einmal durfte ich live miterleben, wie sich die Pumpe der Toilette wie von Geisterhand in Gang setzte und sich das Klo in den eigenen Hals erbrach. Schon längst Vergessenes kam dort wieder zum Vorschein und mit ihm auch ein intensiver Geruch, der den ganzen Raum erfüllte. Ansonsten ist die Klospülung aufgrund der Pumpe so mächtig, daß man seine Kackwurst damit glatt ins All befördern könnte. In dem kleinen Badquadrat gibt es auch ein winziges Waschbecken, welchem eigentlich nur die Funktion eines Dekors innewohnt. Mit beiden Fäusten fülle ich das Becken schon komplett aus, es ist die luxuriösere Variante eines Trinkbechers. Geduscht wird in einer Duschkabine. "Wo soll denn da noch Platz für eine Duschkabine sein?" wird sich jetzt so mancher fragen und nicht zu Unrecht. Nun, man zieht von dem kleinen Quadrat, das wir vorhin von dem Wohnquadrat abgezogen haben nun nochmals ein Quadrat ab (wir bewegen uns jetzt schon in Mikrodimensionen) und baut dort eine Duschkabine hin. Das Duschen an sich hat immer etwas von einem Ringkampf bzw. Armdrücken, da der Duschschlauch viel zu kurz geraten und ungefähr so beweglich ist wie der Hals eines amerikanischen Profiwrestlers. Die Apparatur zur Regulierung der Wassertemperatur mutet wie ein Klavier für Behinderte an. Man kommt sich vor wie bei einer wissenschaftlichen Übung denn es bedarf schon eines ausgeklügelten Systems um die richtige Temperatur einzustellen und sie dann auch noch zu halten. Das man sich am Anfang einige male verbrennt bleibt dabei nicht aus. Es gibt einen An/Aus Schalter und zwei Drehregler für Druck und Temperatur. Im letzten Stadium unseres Aufenthalts in Walthamstow war es ganz um die Dusche geschehen: Der Duschkopf fiel ab weil der Schlauch marode war, aus der Mischbatterie qualmte es und zu guter letzt floß kein Wasser mehr aus dem Schlauch sondern trat aus einem Zweitschlauch aus, der an einer Stelle des Kastens hervorlugte an der er definitiv nichts zu suchen hatte. Was blieb uns also anderes übrig als Wasser in 2Literflaschen aufzufangen und uns intervallweise einzureiben und wieder abzuspülen. Eine richtige "Deutschdusche" mit Konzept. Bevor mir jedoch die Idee kam das Wasser in einer Flasche aufzufangen, mußte ich mich wie ein französischer Kater hingebungsvoll an die gekachelte Wand schmiegen, da das Wasser aus dem Duschkasten einen Zentimeter parallel zur Wand austrat. Das hat schon etwas von einem Waldorfschulentanz unter der Dusche. Die Heizung ist genauso unzuverlässig wie alles andere in diesem Haus. Wenn dann mal geheizt wird, kommt der Hitzeteufel meist zur zwölften Stunde und morgens wacht man dann mit Nasenbluten auf. Das einzig wirklich Neue in dem Zimmer sind die schönen großen Fenster, was aber nicht darüber hinwegtäuschen soll, daß man alles, was sich unten auf der Straße abspielt genauso hört als stünden die Leute direkt in unserem Zimmer. Uns trifft es mit dem Zimmerchen gut, wir sind ja schließlich verliebt und können uns miteinander irgendwie arrangieren aber was sonst in London zur Zeit stattfindet, ist reiner Wahnsinn. Ich habe von Leuten gehört die zu sechst in einem Zimmer gleichen Ausmaßes wohnen. Das funktioniert dann so, daß drei morgens arbeiten und drei nachts. Haha, drei Bäcker und drei Nachtwächter. Schichtschlafen nennt man das wohl. All das ließ sich nur aushalten in der Gewissheit daß es nur einen Monat lang so zugehen würde.
11.11.08 14:32


eastlondon & ghettobass

 Walthamstow 1.august - 7.september 2008-

Als mein Flugzeug am 1. August in London Luton ankam, war es eine Stunde früher als erwartet. Ich hatte mich schon gewundert, wie es angehen soll, daß man binnen nicht mal einer Stunde von Berlin nach London reist. Man hätte sich vorher mit der Zeitzonenproblematik auseinandersetzen sollen. Trotz völliger Übermüdung mußte ich noch anderthalb Stunden auf Malgosias Maschine warten. Ich hatte die ganze Nacht hindurch meinen Koffer gepackt und wurde genau in dem Moment fertig in dem ich laut Zeitplan hätte aufstehen müßen, um mich für meinen Flug fertig zu machen. Als ich, nach langer Trennung, Gosia endlich in Empfang nehmen durfte, hatte ich bereits eine Sache gelernt: man muß hier nicht nur auf der linken Seite gehen sondern sich auch links an der Kasse anstellen. Beim Erwerb eines überteuerten Flughafensnacks wurde mir klar daß es hier eine ziemlich schwere Zeit für mich wird. Nicht nur in monetärer Hinsicht sondern auch bezogen auf das Verständnis der hiesigen Mundart. Um von Luton überhaupt erstmal nach London zu gelangen, muß man einen teuren Bus nehmen. Während wir auf den Bus warteten, synchronisierten wir unsere Warschau/Berlin news. Als wir so im Bus dahinfuhren, zuckte ich fortwährend innerlich zusammen, weil ich in diversen Abbiege- und Kreisverkehrsituationen dachte, das es wohl gleich einen Unfall geben müße. Auch beim Verlassen des Buses an der Victoria Station suchte ich im ersten Moment die Tür, wie könnte es anders sein, an der falschen Seite. Der Busfahrer ein frecher, untersetzter Inder mit einer schwarzen Seele zog in grober, routinierter Manier mit einer Art Harpune die Koffer wie totgeborene Walrobben aus dem Bauch seines trächtigen Busses. Die große Kofferschau vor Reisebussen hat ja immer auch etwas von einem Selbstbedinungsbuffet und so fürchtete ich schon ein gar allzu kecker Zeitgenosse hätte sich mit meinem guten Stück auf und davon gemacht, dabei stand mein Koffer die ganze Zeit  direkt hinter mir und ich wäre zu guter letzt fast noch darüber gefallen. Ich folgte Gosia die ganze Zeit blind, da sie sich durch diverse Londonbesuche zuvor bestens auskannte. Sie hatte via Internet schon eine Bleibe für uns organisiert und eigentlich sollten wir unseren Vermieter in Spe ganz in der Nähe treffen aber wie es der Vorführeffekt nunmal gebietet, nahm der Typ natürlich nicht ab als wir versuchten ihn telefonisch zu erreichen. Nachdem wir alle Vorwahlkombinationen ausprobierten die uns für England einfielen und immer noch keiner ans Telefon ging, wurde uns klar daß wir ganz schön in der Scheiße stecken. Es galt also bis zum Anbruch der Dunkelheit eine Bleibe für mindestens einen Monat zu finden. Nun, ich hätte mir in diesem Fall sicherlich ein überteuertes Hotelzimmer genommen, was sicherlich nur drei Tage gut gegangen wäre oder hätte mich zum Sterben in den Park gelegt in hingebungsvoller Unterwerfung an mein Schicksal. Nicht so meine polnische Freundin Gosia, die ist aus anderem Holz. Sie nahm von nun an die Wohnungssuche in die Hand. Nachdem wir in einem Mc Donald's und diversen Coffeshops unser Geld ließen nur um letztlich immer wieder herauszufinden daß das Internet doch nicht so "free" ist wie man es in den Ladenfenstern anprieß. Erstmal legten wir uns englische SIM Karten zu um mobiler zu sein. Nach einer Online-Kreditkartenbezahlaktion bei Starbucks erhielten wir doch noch Zugang zum Internet. Innerhalb von nicht mal einer Stunde hatten wir drei potentielle Vermieter an der Strippe. Unter ihnen auch eine fragwürdige englische Lady, die sich gleich nach unseren Nationalitäten erkundigte und den Grund unseres Aufenthalts wissen wollte. In ihrer Vorstellung muß es wohl stark nach Verschwörung gerochen haben wenn da ein Deutscher mit einer Polin kommt. So als würden wir in ihrer Wohnung polnische Naziagenten zeugen wollen (in anderen Worten sehr faule Kinder mit einem stark ausgeprägten Streben nach der Weltmacht). Ein gewisser "Mr. Mike" schien uns sympathisch und wir entschieden uns nach Walthamstow zu begeben, wo die Victorialine endet und man sich mitten im berüchtigten Eastlondon wiederfindet. Walthamstow, wie sich das schon anhört, mit einem großen "W", da mußte ich sofort an Wartenberg denken, weil das ähnlich weit draußen liegt. Da hören dann aber die Gemeinsamkeiten auch auf. Wir sollten diesen Mr. Mike im "Goose Pub" treffen. Als wir dieses dann endlich gefunden hatten, hielten wir Ausschau nach einem Typen im gestreiften Poloshirt, so hatte Mr. M sich beschrieben. In diesem Pub waren nun echt viele Typen in irgendwie gestreiften Poloshirts. Vom angetrunkenen Bauarbeiter bis zum fadenscheinigen Kamelmann war alles Menschenelend vertreten. Noch unentschlossen am Eingang stehend, scannten wir das Pub und immer wenn uns die Blicke einiger dieser finsteren Streiflinge trafen, hofften wir insgeheim daß dieser oder jener nicht unser Mr. Mike sei. Letztenendes meldete sich dieser Mr. M, der schon garnicht mehr mit uns rechnete, via Telefon und man regelte die Formalitäten halbsitzend auf einer Parkbank. Ich hoffte daß er jetzt nicht auch noch gleich die erste Monatsmiete einforderte, schließlich saßen unweit einige hauptberufliche Parkbankchiler. Als wir uns auf den Weg zum Haus begaben, mußten wir durch einen brodelnden, nach Galle stinkenden Markt, der sich die ganze Hauptstraße entlangzog. Ich sollte diesen Markt noch richtig hassen lernen, wenn ich es nicht damals schon tat. Mit unseren Rollköfferchen waren wir die Aliens schlechthin und im Visier vieler schlauer Augen. Die ohnehin schon nicht sehr breite Straße bot kaum Platz für uns drei. Es war einfach kein Durchkommen. Überall diese schwarzen Mamas… Kein Durchkommen weil: 1. Ärsche breit wie amerikanische Pick Up Trucks, 2. alle Zeit der Welt und 3. mindestens zwei Bälger, die ihre Mutter umkreisen wie kleine Trabanten die Sonne. Als ich Mr. M dann vorsichtig fragte, was das denn hier für eine Nachbarschaft sei, antwortete er “…well, it’s a very multicultural neighborhood.”. Man hätte auch Ghetto sagen können aber das wäre dann doch etwas zu direkt gewesen. Immer schön vornehm und freundlich sein, ist die Devise hier in England. M redete klein mit uns (er smalltalkte). Im Gespräch entpuppte sich der Herr M als Manchesterpunk der ersten Stunde und erzählte irgendwas davon daß der Bassist von “Aspect Ratio” mit im Haus wohne. Ein Punk also, das sah man dem feinen Lord, der etwas von einem perwollgewaschenem Araber hatte, garnicht an. Das angeblich so nahegelegene Haus war dann doch eine gefühlte Viertelstunde entfernt und plötzlich standen wir vor diesem abgefucktem Haus, daß in jungen Jahren mal eine viktorianische Villa hätte werden können. Ich wollte erst garnicht hinein, so wie ich damals beim Zivi Omas den Po wischen mußte und nicht wollte aber trotzdem mußte weil man mich ja gerade dafür bezahlte.  Das Haus roch alt und modrig. Die schmale Treppe zum ersten Stock war mit einem dreckigem Teppich überzogen, der seine besten Tage auch schon hinter sich hatte und dringend einer Reinigung bedurfte. Iiiiiihhhhh, ein Teppich, das wäre ja so als würde man einen Löffel mit Fell überziehen und dann von ihm essen. Im 1. Stock erreichten wir so einen kleinen Absatz von dem vier verschiedene aber gleichermaßen armselige Türen abgingen. Rechts mittig öffnete sich die Tür zu noch größerem Elend, unserem 8m² kleinem Zimmer. Wir standen auf einem abgewetzten Linoleumboden der sich in Laminatkaraoke versuchte. Die wenigen Möbel sahen allesamt aus wie vom Sperrmüll zusammengeklaubt. Die Fenster waren so dreckig, daß man sich die Jalousie eigentlich hätte sparen können. Aufgrund dieser Umstände handelte Gosia den guten Mann von 250£ auf 200£ pro Monat und Person herunter. Ich war in einem ganz seltsamen Zustand und hätte wahrscheinlich jeden Preis bezahlt um nur nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Ich stand völlig neben mir den inneren Ekel verbergend, verlegen grinsend, so daß mir die Kotze eigentlich zwischen den Zahnlücken hätte durchspritzen müssen. Ich fühlte mich als hätte ich mir den Rachen mit einer Klobürste blitzeblank geputzt. Am liebsten hätte ich mich in eine Ganzkörperplastikfolie eingewickelt, um nichts mehr in diesem Haus berühren zu müssen. Das Gepäck nur widerwillig im Haus zurücklassend gingen wir wieder auf diese blöde Hauptstraße auf der wiederum der blöde Markt stattfand. Dort gab es eine Geldwechselstube in der Gosia, die von ihrer polnischen Oma mühsam zusammengesparten US Dollar umsetzte und richtig abgezogen wurde, wie wir im Nachhinein herausfanden. Noch in der Wechselstube zupfte ich verlegen (ich wurde von fünf Indern hinter Glasscheiben beäugt) an mir herum um meine Sicherheitstasche (ein Brustbeutel für die Lendengegend) hervorzuholen und mal eben 400£ für die Kaution locker zu machen. Es war sicherer den Mr. M noch im Laden zu bezahlen als draußen auf der Straße, denn dort liefen Gestalten herum die wahrscheinlich für weitaus weniger sogar ihre eigene Mutter um die Ecke gebracht hätten. Insgesamt wechselten da schlappe 800£ den Besitzer…boah, “Welcome to London, Alta”. Mr. M wünschte uns viel Glück im neuen Heim und machte sich von dannen. Wir standen nun vor dem Problem das passende Haus zu finden zu den Schlüßeln, die er uns überreicht hatte. Wir hatten keinen Plan mehr wie wir von dem Haus hierhergekommen waren. Das passiert immer wenn man zu viel schwatzt und nicht auf die Gegend achtet. So standen wir also auf dieser dämlichen  Hauptstraße umgeben von geschäftigem Marktgetreibe. Als wir nach einigen Extrarunden unser Haus (die Häuser kommen dort alle aus derselben maroden Backform) wiedergefunden hatten, ging erstmal die große Putzaktion los. Nicht etwa weil ich das so wollte, nein, ich hätte mich nach drei Tagen an alles gewöhnt und mich für ein Leben im Dreck eingerichtet. Gosia war hier die treibende Kraft. Sie hat so einen gestörten Putzfilm und braucht ihre Umgebung ganz steril.  Als FK der ich nunmal bin, wischte ich also auch den Kleiderschrank und diverse andere Regale aus bis alles so roch wie wenn man damals die Ostpressspanplatten mit Wasser reinigte.

8.11.08 01:48


hatecharts

Platz 3
///Wadentattoos bei Männern...sind ewig gestrig und sehen einfach nur albern aus. Am Schlimmsten finde ich die mit den japanischen Schriftzeichen. Im schlechtesten Fall hat der Typ dann so etwas wie „Mit Vorsicht behandeln: Zerbrechlich“ auf der Wade stehen…und „zerbrechlich“, welcher Proll will das schon sein?

Platz 2
//Aktivrentner mit Nordic Walking Schwerpunkt. Die wirbeln im Hochsommer dermaßen viel Staub auf, daß man sich das Joggen eigentlich sparen und getrost zu Hause bleiben und rauchen könnte. Diese Rentner streben einem in gründlich eingeprügelter NS-Haltung vor, wie man „deutsch“ zu gehen hat. Vorhin überholte mich beim Joggen ein flottes sechziger Paar (homo grauschädlius). Natürlich trugen beide Outdoorkleidung im Partnerlook (Tschibo machts möglich). Später machte mir ein weiteres 50+ Paar den Rang streitig. Er war von kräftiger Statur mit grauem langem Haar und hatte etwas von einem Uruk-Hai mit Marschbefehl. Seine Gattin passte von ihrer Körpergröße ungefähr drei mal in ihn hinein und war baba jagischen Typs, was unschwer an der ausgeprägten Hakennase und dem Buckel im Frühstadium zu erkennen war. Seinen Joggingstil könnte man als „agressive walking“ beschreiben. Kurze Zeit später begegnete ich wieder den NS-Rentnern die ungeheuer stark nach sportlichem Normschweiß rochen in dem eine Note Adidas mitschwebte. Alle die sich so sehr über das Joggen definieren sind auf’s Tiefste zu verachten.

Platz 1
/Definitiv und wohlverdient auf Platz 1 meiner hatelist befinden sich diese omnipräsenten Dreiviertelhosen. Warum ist das so, warum tun Frauen sich soetwas an? Ich rede nichtmal von diesen enganliegenden Caprihosen, die zwar auch scheiße aussehen aber immer noch eine Liga über der ihren häßlichen kleinen Schwestern spielen, den gemeinen Dreiviertelhosen, die sich hastig bemühen sich den Anschein von Freizeit und Lockerheit zu geben, alles Dinge mit denen sich der Deutsche eh schwertut. Warum erkennt man, egal wo auf der Welt man Urlaub macht, die Deutschen sofort? Weil die Deutschen eine ganz ausgeprägte und für Ausländer fast schon kryptisch wirkende Urlaubsmode ihr eigen nennen. Da der Durschnittsdeutsche das ganze Jahr über mit der Arbeit/ Arbeitssuche sowie Herbst- und Winterdepression beschäftigt ist, zelebriert er diese zwei Wochen im Jahr um so heftiger. Dazu ist ihm bzw. ihr nicht zuletzt die Dreiviertelhose dienlich. Egal ob aus schlaffem Leinen oder pseudosportlichem Polyester, die Dreiviertelhose gehört verbannt oder verbrannt. Frauen tragt wieder Röcke! Ihr seid es euch schuldig. Auch wenn ein hübscher Hintern in einer tighten Jeans dem Auge des Betrachters Wohlgefallen bietet, kann mir keine Frau erzählen, daß es im Hochsommer angenehm ist sich den Arschkerbenschweiß die Jeansnähte herunterfließen zu lassen.

4.7.08 20:55


berlin news und alltaegliches

gestern mittag bin ich wieder mit dem warzsawa spaceshuttle im ostbahnhof gelandet. ich muß sagen, je länger ich deutschland/berlin fernbleibe um so schärfer und präziser werden meine beobachtungen. ich habe mich heute in der vollgepackten s-bahn mal umgesehen und mein blick striff nur müde und tottraurige fressen. man könnte die deutschen sogar bei "wetten dass.." gegen eine mannschaft polen antreten lassen in einem "sad-staring" wettbewerb. dies würde sicher wesentlich spannender verlaufen als die partie deutschland gegen polen...niemcy: dwa, polski: zero!
4.7.08 17:15


die liebe sprache...

Wer in Polen "kawa czekolada" bestellt, bekommt keine heiße Schokolade sondern Kaffee. Bestellt ein gast "krokety" bekommt er keinesfalls Kroketten sondern mit verschiedenen Fleisch- oder Gemüsesorten gefüllte Pfannkuchen. Mit solchen und anderen Sprachschwierigkeiten habe ich hier zu kämpfen und tollkühne Versuche hier mal etwas alleine zu bestellen wurden sogleich bitter bestraft. In meinen fünf bis sechs Monaten hier werde ich es wohl kaum bis zur Perfektion im Polnisch bringen. Schlimm ist vor allem, daß mir auch so ein bißchen der Elan fehlt, da Polnisch nunmal keine Weltsprache ist und unnötig Speicherplatz auf meiner ohnehin schon analogen Festplatte wegnähme. Hinzu kommt, daß Polnisch so rein garnichts mit Französisch, Spanisch oder Englisch zu tun hat, man sich also kaum Eselsbrücken bauen kann. Auch verwirren mich die übermäßig vielen "s" und "z" im Vokabular. Wenn ich versuche polnische Straßennamen auszusprechen, verhungere ich fast, es ist wie in der Wüste, weit und breit keine Vokale in Sicht. So verwechsele ich auch ständig den ganzen Wust von Floskeln, den man sich hier um die Ohren knallt: "Dziękuję" (Danke), "Dzień dobry" (Guten Morgen) "Dowidzenia" (Auf Wiedersehen)...hört sich für mich alles ziemlich gleich an. Wenn wir ein Geschäft betreten, halte ich mich meist in Gosias Windschatten auf und bewege nur die Lippen zu dem was sie sagt. Da ich aber, was Sprachen betrifft schon immer ein ziemlich guter Affe war, habe ich, so wurde mir gesagt, fast keinen Akzent. So machen sich Gosias Freude immer einen Spaß daraus mich Wörter nachsprechen zu lassen von deren Sinn ich jedoch nicht den blassesten Schimmer habe. Was auch noch ziemlich kurios ist und nicht unerwähnt bleiben sollte, ist daß es für alle Filme im polnischen TV nur einen Typen für die Synchronisation gibt, der auch gleichzeitig alle Rollen spricht. Gosia meinte es wären drei Männer, die sich untereinander die Filme aufteilen und sich als soetwas wie nationale Erzieher oder Helden der polnischen Sprache betrachten. Fern im Hintergrund hört man noch die amerikanische Originalspur und immer, wenn ich kurz davor bin etwas zu verstehen, prescht der polnische Sprecher mit einer immensen Wortgewalt rein und zerquatscht den ganzen Film. Auch Kinofilme werden hier grundsätzlich im Original gezeigt. Die polnischen Untertitel werden von Hand ins Zelluloid gekratzt und springen lustig hin und her.
11.3.08 12:44


kwiaty hei▀t blumen

Heute ist Frauentag, zumindest in Polen. Ich komme gerade aus einem Blumengeschäft, da mich Malgosia vorhin, bevor sie zur Uni gegangen ist, nochmals dezent darauf hingewiesen hat, daß doch heute Frauentag sei. "Frauentag" ist für mich so ein bastrardiöser Feiertag, einer der es nicht bis zum Valentins- oder Muttertag geschafft hat. Ich habe mich also sofort in den Blumenladen der Nachbarschaft begeben, um den Kaufbefehl auszuführen, bewaffnet lediglich mit ein paar Brocken Polnisch und zehn Fingern. Ich bestellte also fünf Rosen und nach einigen Verständigungsschwierigkeiten, dachte ich mir, daß es jetzt wohl mal an der Zeit wäre die polnischen Zahlen komplett zu lernen. Ich kann nicht ständig eine Sache bestellen und dann nochmal und nochmal um irgendwann auf sieben zu kommen, weil eins die einzige Zahl ist, die ich kenne. Als ich die fünf Rosen für Gosia dort so auf der Theke liegen sah, dachte ich mir, daß das schon ein bißchen armseelig aussieht, schließlich sind die polnischen Frauen allesamt richtige Ladies und ich wollte nicht den geizigen Deutschen abgeben. Also: "poprosche five more please...Scheiße, was heißt nochmal fünf?" Egal , Finger aus der Tasche, fünf angezeigt und mit so einem "Taubstummenlaut" auf die Rosen gedeutet. Der Verkäuferin zu kommunizieren, daß die fünf zusätzlich Rosen in den selben Strauß gehören, lag außerhalb meiner Kompetenz und ich ließ sie ihre zwei seperaten Rosensträuße dekorieren, während ich schon überlegte, wie ich die Teile zu Hause am besten wieder auseinander baue und zu einem kombiniere. Inzwischen ragte die Warteschlange schon bis vor die Tür, ich war die Attraktion schlechthin in dem kleinen Laden. Ihr müßt euch vorstellen, daß ich hier im polnischen Hohenschönhausen gelandet bin und wieder in der Platte lebe. Ich glaube Ausländer kriegen die hier nicht so oft zu Gesicht. Ich denke die Leute hinter mir waren schon leicht angefressen, ertrugen aber alles brav postkommunistisch-devot. Ich dachte mir so, daß wenn ich jetzt noch einen Strauß Tulpen ordere, platzt die Bombe. Den richtigen Moment abgewartet und mit einer ausdruckstarken Geste reingegretscht :"Poprosche, dziesiec tulips...". Ja, heute kommt Gosias Mutter zu Besuch, um unsere Wohnung zu inspizieren. Also nochmal zehn Tulpen für die Schwiegermutter, kommt immer gut, schindet auf jeden Fall Eindruck. Die Rechnung war gehörig und verblüffte mich. Schwankend verließ ich unter den ungläubigen Blicken der anderen Kunden ("Wozu braucht der junge Mann den drei Sträuße?" das Blumengeschäft. Zu Hause dann die diffizile Operation, aus zwei mach eins. Na ja, sagen wir mal so, an mir ist definitiv kein Florist verloren gegangen. Jetzt steht ein völlig überdimensionierter Monsterrosenstrauß auf dem Tisch, der extrem unförmig aussieht. In diesem Sinne, einen schönen Frauentag!
8.3.08 13:35


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